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Was bleibt vom Arztsein wenn KI die Diagnose stellt
Prof. Dr. Martina Kadmon über den nationalen Lernzielkatalog NKLM, KI im Medizinstudium und die Frage was zutiefst Ärztliches bleibt

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Was darf KI im Medizinstudium übernehmen und was nie
Ein Gespräch mit Prof. Dr. Martina Kadmon über den nationalen Lernzielkatalog, professionelle Identität und die Zukunft der Ärzteausbildung.
Eine Medizinstudentin fragt mich neulich am Rande einer Veranstaltung, warum sie eigentlich noch alles auswendig lernt. Die KI habe doch in Sekunden parat, was sie sich mühsam erarbeite. Ich habe keine schnelle Antwort gegeben. Die Frage hat mich begleitet.
Genau diese Frage steht im Mittelpunkt meines Gesprächs mit Prof. Dr. Martina Kadmon, Dekanin der Medizinischen Fakultät Augsburg und seit Juni 2025 Präsidentin des Medizinischen Fakultätentages. Kadmon hat die Augsburger Medizinfakultät 2017 als Gründungsdekanin von Grund auf aufgebaut und koordiniert den nationalen kompetenzbasierten Lernzielkatalog NKLM, der bundesweit festlegt, was angehende Ärztinnen und Ärzte können müssen.
Wissen bleibt die Grundlage
Kadmons Antwort auf die Frage der Studentin ist klar: Wissen ist nicht verhandelbar. Nicht weil es Tradition wäre, sondern weil Critical Appraisal ohne Vorwissen nicht möglich ist. „Ich kann nur dann hinterfragen, was mir eine KI ausgibt, wenn ich selbst eine Vorstellung davon habe, was richtig ist“, erklärt sie im Gespräch. Wer eine seltene Erkrankung nicht kennt, wird nicht merken, wenn das Sprachmodell konfabuliert.
Das ist keine abstrakte Warnung. Kadmon beschreibt, wie sie selbst eine ungewöhnliche Symptomatik in eine KI eingegeben hat, nachdem sie bereits eigene Differenzialdiagnosen formuliert hatte. Das Ergebnis war ähnlich. Aber der entscheidende Unterschied: Sie hatte die Diagnosen als Expertin eingegeben, mit prazisem Prompting. Ein Laie hätte dasselbe System mit anderen Fragen gefuttert und andere, möglicherweise irrelevante Antworten erhalten.
Der NKLM und was kompetenzbasiert wirklich bedeutet
Der nationale kompetenzbasierte Lernzielkatalog NKLM legt bundesweit fest, was Absolventinnen und Absolventen des Medizinstudiums können müssen. Nicht als Themenliste, sondern differenziert nach Wissenstiefe, Handlungskompetenz und Beratungsfähigkeit. Kadmon erläutert das am Beispiel Obstipation: Der Katalog legt fest, dass Studierende nicht nur wissen sollen, welche Medikamente es gibt, sondern dass sie für einen konkreten Fall einen eigenen Therapievorschlag erarbeiten können. Das ist ein anderes Niveau als Faktenwissen.
Digitalisierung und KI sind in der aktuellen Version 2.1 des NKLM als Querschnittsthema verankert und werden in der Version 3.0 noch stärker integriert. Nicht als eigener Kurs, sondern als durchgängige Perspektive in allen Fachbereichen. Dasselbe Modell verfolgt Stanford, wie Kadmon im Gespräch erwähnt.
Was bleibt das zutiefst Ärztliche
Die entscheidende Frage des Gesprächs: Was kann KI nicht übernehmen? Kadmons Antwort ist eindeutig: Verantwortung. Die letzte Stufe jeder Kompetenzentwicklung ist die eigenständige Entscheidung mit Haftung. Kein Sprachmodell trägt Verantwortung für eine Therapieentscheidung. Das bleibt beim Menschen.
Dazu kommt die Kommunikation. Kadmon ist überzeugt, dass die Beratungskompetenz in der Ärztin-Patienten-Beziehung wichtiger wird, nicht unwichtiger. Gerade weil Patienten häufiger mit KI-Ausdrucken in die Sprechstunde kommen, mit eigenen Diagnosen, eigenen Agenten, eigenen Erwartungen. Die Fähigkeit, in dieser Situation zu erklären, nachzufragen und gemeinsam zu entscheiden, ist nicht automatisierbar.
Ein Blick in die Glaskugel
Was erwartet ein Medizinstudierender, der 2035 sein Studium beginnt? Er ist heute neun Jahre alt, wächst mit KI auf wie frühere Generationen mit dem Internet. Er wird KI als selbstverständliches Werkzeug mitbringen. Kadmon hofft, dass er auch gelernt haben wird, dass dieses Werkzeug sein Handeln unterstützt, aber nicht ersetzt. Und dass die Fakultäten in den nächsten Jahren die Strukturen schaffen, um genau das zu ermöglichen.
Die Episode anhören
Das vollständige Gespräch mit Prof. Dr. Martina Kadmon ist jetzt verfügbar auf Spotify, Apple Podcasts, YouTube und allen gängigen Podcast-Plattformen. Abonniere docsdigital, um keine Episode zu verpassen.