KI Arztbriefe macht doch jetzt jeder oder doch nicht
Wie myScribe von Dr. med. Ira Stoll den Arztbrief neu denkt und Ärzten endlich Zeit für echte Medizin zurückgibt

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Warum myScribe den Arbeitsalltag wirklich verändert
Arztbriefe gehören zu unserem Berufsleben. Und sie gehören zu den Dingen, über die wir im Studium erstaunlich wenig sprechen.
Am Ende eines langen Tages sitzen viele von uns nicht über einem komplexen Fall oder einer Leitlinie, sondern über einem leeren Dokument. Informationen aus dem KIS, Laborwerte, Radiologiebefunde, OP-Berichte, Visitennotizen. Alles liegt irgendwo digital vor. Und trotzdem schreiben wir es noch einmal zusammen.
Genau an diesem Punkt setzt myScribe an. In einer aktuellen Podcastfolge habe ich mit Dr. med. Ira Stoll gesprochen. Sie ist Ärztin, Urologin und Gründerin von myScribe. Ihre Motivation war nicht, Medizin durch KI zu ersetzen. Ihre Frage war viel einfacher. Warum tippen wir Informationen ab, die längst strukturiert vorliegen?
Wie myScribe Arztbriefe automatisch vorbereitet
Die Logik von myScribe orientiert sich am realen klinischen Workflow. Eine Assistenzärztin öffnet mehrere Systeme, sammelt Daten aus dem Krankenhausinformationssystem, aus Radiologie, Labor, Intensivsystem oder Notaufnahme und formuliert daraus einen Arztbrief. Die KI übernimmt genau diesen Zwischenschritt.
Patientendaten werden zusammengeführt und daraus wird ein strukturierter Arztbrief inklusive Epikrise generiert. Ärztinnen und Ärzte prüfen den Text, kürzen, ergänzen und geben ihn frei.
Der entscheidende Unterschied ist nicht technischer Natur, sondern psychologisch. Man beginnt nicht mit einem leeren Blatt. Man beginnt mit einem Vorschlag.
Zeitersparnis im Klinikalltag durch KI
In einer chirurgischen Klinik wurde rückblickend erfasst, wie viel Zeit für längere Arztbriefe benötigt wurde. Vor der Einführung der KI waren es häufig rund 45 Minuten pro Brief. Mit myScribe reduziert sich die Zeit auf etwa 15 Minuten für Durchsicht und Anpassung.
Bei mehreren Briefen pro Tag summiert sich das erheblich.
Noch relevanter als die reine Zeit ist jedoch der mentale Effekt. Offene Arztbriefe erzeugen Druck. Sie bleiben im Hinterkopf. Wenn dieser Stapel kleiner wird, verändert sich auch das Stresslevel im Team.
KI im Gesundheitswesen ist also nicht nur ein Effizienzthema. Es ist auch ein Thema der Arbeitszufriedenheit.
Verlernen Ärztinnen und Ärzte das Schreiben?
Diese Sorge begegnet einem schnell, wenn man über KI in der Medizin spricht.
Verlieren Assistenzärztinnen und Assistenzärzte an Kompetenz, wenn sie nicht mehr jeden Brief selbst formulieren? Die Erfahrung aus der Praxis spricht dagegen.
Ärztliche Kompetenz entsteht durch gute Diagnostik, fundierte Therapieentscheidungen, saubere tägliche Dokumentation und kritisches Denken. Nicht durch das manuelle Zusammenfassen bereits dokumentierter Informationen.
Die KI ersetzt keine Entscheidung. Sie ersetzt repetitive Schreibarbeit. Der Mensch bleibt verantwortlich. Der Text wird geprüft, angepasst und freigegeben.
Human in the Loop ist hier kein Schlagwort, sondern gelebte Realität.
Qualitätssicherung und Nachvollziehbarkeit
Ein interessanter Aspekt im Gespräch war die Frage nach Fehlern. Was passiert, wenn etwas im generierten Arztbrief unstimmig wirkt?
myScribe kann die zugrunde liegenden Quellen anzeigen. Wenn eine Zahl oder ein Befund irritiert, lässt sich nachvollziehen, aus welchem Dokument er stammt. In einem geschilderten Fall stellte sich heraus, dass nicht die KI falsch lag, sondern ein Eintrag im OP-Bericht korrigiert werden musste.
Damit entsteht ein zusätzlicher Qualitätseffekt. Fehler in der Primärdokumentation fallen schneller auf.
Patientenbriefe in einfacher Sprache
Ein zukunftsrelevantes Thema ist die patientenverständliche Version des Arztbriefes.
Viele Patientinnen und Patienten fotografieren ihre Arztbriefe bereits heute und laden sie in externe KI-Modelle, um sie übersetzen oder vereinfachen zu lassen. Das ist datenschutzrechtlich nicht unproblematisch.
myScribe testet daher eine Version in einfacher Sprache, die direkt aus dem bestehenden Arztbrief generiert wird. Technisch funktioniert das gut. Die offene Frage ist die rechtliche Validierung. Wer prüft diesen zusätzlichen Text? Wie wird Verantwortung geregelt?
Hier zeigt sich, dass KI im Gesundheitswesen nicht nur eine technische, sondern auch eine organisatorische und juristische Herausforderung ist.
KI Arztbriefe auch für Praxen und den ambulanten Bereich
Ursprünglich wurde myScribe für den stationären Bereich entwickelt. Inzwischen gibt es verstärkt Anfragen aus dem niedergelassenen Bereich.
Auch in Praxen entstehen zahlreiche Arztbriefe und Zusammenfassungen. Die Anforderungen unterscheiden sich jedoch vom stationären Setting. Deshalb wird aktuell eine Cloud-basierte Lösung aufgebaut, die datenschutzkonform in Deutschland gehostet ist und speziell auf die Bedürfnisse von Fachärzten und Hausärzten zugeschnitten werden soll.
Gerade im ambulanten Bereich kann KI bei der Dokumentation helfen, ohne den persönlichen Kontakt zu beeinträchtigen.
Schnittstellen als entscheidender Erfolgsfaktor
Ein Punkt wurde im Gespräch besonders deutlich. Nicht das KI-Modell entscheidet über Erfolg oder Misserfolg. Sondern die Integration. Ohne funktionierende Schnittstellen zwischen Krankenhausinformationssystem, Subsystemen und Datenplattformen bleibt jede Lösung eine Insellösung. Genau hier liegt in vielen Kliniken die größte Hürde.
KI in der Klinik bedeutet daher immer auch IT-Strategie, Infrastruktur und Zusammenarbeit mit bestehenden Systemen.
Mehr Zeit für medizinisches Denken
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke aus dem Gespräch.Wenn wir weniger Zeit mit dem Zusammenkopieren von Daten verbringen, bleibt mehr Raum für das, was Medizin eigentlich ausmacht. Leitlinien lesen. Therapieoptionen abwägen. Fälle wirklich durchdenken. Gespräche führen.
KI wird Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen. Aber sie kann uns von Aufgaben entlasten, die wenig mit ärztlicher Kernkompetenz zu tun haben.
Und genau darin liegt ihre eigentliche Stärke.

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