Ärztliche Dokumentation ist der Burnout Treiber und es gibt Auswege

Wie Corti bei der Dokumentation entlastet und warum Vertrauen dabei entscheidend ist

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Warum dieses Thema so viele von uns betrifft. Wenn ich mit Kolleginnen und Kollegen spreche, taucht ein Thema immer wieder auf, oft leise, manchmal resigniert, selten mit echter Hoffnung auf Veränderung. Es geht um Dokumentation. Um Arztbriefe, Entlassbriefe, Befunde, Verlaufsnotizen und all die Zeit, die dafür draufgeht, ohne dass sie sich wie sinnvolle ärztliche Arbeit anfühlt.


Das Problem ist nicht, dass wir diese Aufgaben nicht beherrschen. Das Problem ist, dass sie sich in den letzten Jahren immer weiter ausgedehnt haben und dabei genau das verdrängen, was viele von uns ursprünglich motiviert hat, diesen Beruf zu ergreifen. Nämlich die direkte Arbeit mit Patientinnen und Patienten, das Zuhören, das Einordnen, das gemeinsame Entscheiden.


Diese dauerhafte Verschiebung von Zeit und Aufmerksamkeit ist kein individuelles Organisationsproblem. Sie ist strukturell. Und genau deshalb wirkt sie so zermürbend.


In dieser Podcast- und Videocast-Folge spreche ich mit Florian Schwiecker von Corti darüber, wie Künstliche Intelligenz genau an dieser Stelle ansetzen kann. Nicht bei Diagnosen, nicht bei Therapieentscheidungen, sondern dort, wo im Alltag am meisten Energie verloren geht, bei der Dokumentation und der Strukturierung medizinischer Informationen.


Wer mein Gast ist und warum ich dieses Gespräch führen wollte

Florian Schwiecker arbeitet als Chief Partnership Officer bei Corti und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie KI im medizinischen Kontext sinnvoll eingesetzt werden kann. Mir war wichtig, mit jemandem zu sprechen, der nicht nur die Technologie kennt, sondern auch die Realität in Klinik und Praxis versteht.


Unser Gespräch war bewusst kein Produktgespräch. Es ging nicht darum, etwas zu verkaufen oder zu bewerten, welches Tool besser ist als ein anderes. Es ging darum, ehrlich darüber zu sprechen, was heute möglich ist, wo die Grenzen liegen und warum Vertrauen eine so zentrale Rolle spielt, sowohl im Team als auch im Arzt-Patienten-Verhältnis.


Wenn KI zuhört, ohne das Gespräch zu stören

Ein zentraler Punkt unseres Gesprächs ist das sogenannte Ambient Documentation. Gemeint ist damit, dass ein System dem Gespräch zwischen Ärztin oder Arzt und Patient zuhört und im Anschluss eine strukturierte Zusammenfassung erstellt. Diese Zusammenfassung dient nicht als fertiges Dokument, sondern als Grundlage, die geprüft, angepasst und freigegeben wird.


Was daran relevant ist, ist weniger die technische Raffinesse als der Effekt im Alltag. Viele Kolleginnen berichten, dass sie sich wieder stärker auf das Gespräch konzentrieren können, weil sie nicht parallel tippen oder Felder im System suchen müssen. Der Blickkontakt verändert sich, das Zuhören verändert sich und oft auch die Qualität des Gesprächs selbst.


Das ist kein Zaubertrick und es löst nicht alle Probleme. Aber es adressiert einen sehr konkreten Schmerzpunkt, den fast alle kennen.

Stammfakten als neue Denkweise in der Dokumentation

Ein Gedanke, den ich aus dem Gespräch besonders wichtig finde, ist die Idee der Stammfakten. Ein ärztliches Gespräch enthält medizinische Informationen, die für unterschiedliche Zwecke relevant sind. Für die eigene Dokumentation, für einen Arztbrief, für eine Überweisung oder für eine verständliche Zusammenfassung für Patientinnen und Patienten.


Heute schreiben wir diese Inhalte häufig mehrfach, in unterschiedlichen Worten und in unterschiedlichen Systemen. Das kostet Zeit und erhöht die Fehleranfälligkeit. Die Idee, Informationen einmal sauber zu erfassen und daraus verschiedene Formate abzuleiten, ist nicht revolutionär, sondern logisch. Und sie passt sehr gut zu unserem Arbeitsalltag.


Entlassbriefe und das tägliche Suchen nach Informationen


Besonders deutlich wird die Problematik in der Klinik, wenn es um Entlassbriefe geht. Informationen liegen in verschiedenen Modulen, bei unterschiedlichen Fachabteilungen und in unterschiedlichen Formaten vor. Radiologie, Pathologie, OP-Berichte, Verlaufsdokumentation und Medikation müssen zusammengeführt und sinnvoll eingeordnet werden.


Dieser Prozess ist zeitaufwendig und fehleranfällig, vor allem unter Zeitdruck. KI kann hier unterstützen, indem sie relevante Informationen aus verschiedenen Quellen strukturiert zusammenführt. Die ärztliche Verantwortung bleibt dabei vollständig erhalten, aber der Weg zum Überblick wird kürzer und klarer.


Echtzeit-Hinweise und die Frage nach Vertrauen

Im Gespräch sprechen wir auch über einen sensiblen Bereich, nämlich Echtzeit-Hinweise während eines Arzt-Patienten-Gesprächs. Gemeint sind Hinweise darauf, dass bestimmte Aspekte noch nicht angesprochen wurden oder dass ein Symptom zu weiteren Fragen passen könnte.


Hier wird deutlich, dass nicht alles, was technisch möglich ist, automatisch sinnvoll ist. Viele Patientinnen reagieren derzeit noch verunsichert, wenn KI als Teil der Entscheidungsfindung wahrgenommen wird. Genau deshalb ist Transparenz so entscheidend. Wie wird die Technologie genutzt. Wofür wird sie eingesetzt. Und wofür ganz bewusst nicht.


Für mich ist klar, dass KI unterstützen, strukturieren und erinnern darf. Die Entscheidung selbst muss immer beim Menschen bleiben.


Transparenz als Teil ärztlicher Professionalität

Ein zentrales Thema dieser Folge ist die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten. Wenn wir offen erklären, warum wir Technologie einsetzen, steigt die Akzeptanz häufig deutlich. Viele Patientinnen verstehen sehr gut, dass Dokumentation Zeit kostet, und reagieren positiv, wenn sie hören, dass ein Tool eingesetzt wird, um genau hier zu entlasten.


Transparenz ist kein Zeichen von Unsicherheit. Sie ist Ausdruck von Verantwortung und Teil einer modernen ärztlichen Rolle.


Was all das mit Burnout zu tun hat

Burnout entsteht selten durch einen einzelnen Faktor. Dauerhafte Überlastung ohne Gestaltungsspielraum spielt jedoch eine zentrale Rolle. Wenn digitale Tools dazu beitragen können, Arbeitsbedingungen spürbar zu verbessern, dann sind sie mehr als technische Spielerei. Sie sind ein Baustein von Prävention.


Gerade junge Ärztinnen und Ärzte achten sehr genau darauf, unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Welche Systeme vorhanden sind, wie Dokumentation organisiert ist und ob digitale Unterstützung ernst genommen wird. Gute digitale Arbeitsbedingungen sind längst ein relevanter Faktor bei der Wahl des Arbeitsplatzes.


Mein Fazit nach diesem Gespräch

Künstliche Intelligenz in der Medizin ist kein Selbstzweck und kein Ersatz für ärztliche Erfahrung. Sie kann uns aber dort unterstützen, wo wir heute Zeit verlieren, ohne dass es der Versorgung dient.


Diese Folge ist eine Einladung, differenziert hinzuschauen, ohne Euphorie und ohne Abwehr. Wenn wir Technologie menschlich einbetten, transparent nutzen und klar begrenzen, kann sie dazu beitragen, dass wir wieder mehr Zeit für das haben, was unseren Beruf ausmacht.



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