DiGA in der Praxis, warum Verordnung allein nicht reicht

Die App drück ich weg, den Menschen nicht. Im Gespräch mit PD Dr. Julian Schwarz

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Digitale Gesundheitsanwendungen gehören seit dem Digitale-Versorgung-Gesetz zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Als Ärztin in der ambulanten Versorgung erlebe ich den Abstand zwischen dem, was eine DiGA leisten könnte, und dem, was im Alltag tatsächlich ankommt. Über diese Lücke habe ich mit PD Dr. Julian Schwarz gesprochen, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg.

Das Adhärenzproblem bei digitalen Gesundheitsanwendungen

Die Nutzung einer typischen Mental-Health-App bricht innerhalb weniger Wochen massiv ein. In den ersten Tagen liegt sie bei rund 80 Prozent der Patientinnen und Patienten. Nach drei bis vier Wochen sind es nur noch etwa drei Prozent. Diese Engagement-Kurve ist das zentrale Problem der DiGA-Versorgung. Eine zugelassene und wissenschaftlich geprüfte Anwendung entfaltet keine Wirkung, wenn sie nach der Verordnung nicht genutzt wird.

Für die ärztliche Praxis heißt das, die Verordnung ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Entscheidend ist, was danach passiert.

Die Digital Health Navigatorin als Lösungsansatz

Die DigiNavi-Studie aus Brandenburg, gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit, hat dafür eine konkrete Rolle erprobt. Die Digital Health Navigatorin ist eine geschulte Fachkraft, in der Studie häufig eine Medizinische Fachangestellte, die Patienten über den gesamten Verordnungszeitraum begleitet. Das Modell ist an das Harvard Digital Navigator Training angelehnt.

Die Begleitung umfasst die Auswahl der passenden DiGA, die Aktivierung über den Rezept- und Freischaltungsweg und wöchentliche Check-Ins von zehn bis zwanzig Minuten. Diese Kontakte finden telefonisch, per Video oder persönlich statt und stützen sich auf Techniken des Motivational Interviewing.

In der Studie blieb die Nutzung über den gesamten Verlauf stabil. Das Engagement ging mit einem Rückgang der Symptomschwere einher. Es handelt sich um eine explorative Machbarkeitsstudie ohne Kontrollgruppe, die Ergebnisse sind also nicht kausal zu lesen, aber sie weisen klar in eine Richtung.

Vertrauen ist der entscheidende Wirkfaktor

Der wichtigste Befund ist für die Praxis sofort anschlussfähig. Patienten ignorieren eine App-Erinnerung leicht. Den Anruf einer Fachkraft, die sie von der Anmeldung kennen, ignorieren sie nicht. In Klinikambulanzen wechselt das ärztliche Personal häufig, weil es sich um Weiterbildungsstellen handelt. Das Anmeldepersonal bleibt konstant. Diese bestehende Beziehung ist eine bislang kaum genutzte Ressource für die digitale Versorgung.

Daraus folgt ein klares Prinzip. Digitale Versorgung funktioniert nicht als Ersatz für die persönliche Beziehung, sondern als hybrides Modell aus Technik und menschlicher Begleitung.

Die Vergütungslücke im aktuellen Recht

So tragfähig das Konzept ist, so deutlich ist die strukturelle Hürde. Medizinische Fachangestellte sind knapp und stark belastet. Eine zusätzliche Aufgabe lässt sich nur dann dauerhaft abbilden, wenn sie vergütet wird. Im aktuellen Gesetzgebungsprozess wird das Symptom-Monitoring zunehmend mitgedacht, die ärztliche und begleitende Leistung bleibt jedoch unvergütet. Solange diese Leistung keine Abrechnungsgrundlage hat, bleibt die wirksame Begleitung von DiGAs Engagement Einzelner statt Teil der Regelversorgung.

Tech-Shaming und die Grenzen der KI

Zwei weitere Aspekte sind für die ärztliche Praxis relevant. Erstens das Tech-Shaming. Patienten und auch Behandler sprechen fehlende digitale Kompetenzen oft nicht an, weil sie sich dafür schämen. Die Studie zeigt, dass das eigentliche Hindernis häufig nicht das technische Können ist, sondern die fehlende Anwendung im Alltag.

Zweitens die Rolle der KI. KI-gestützte Systeme neigen zum Confirmation Bias und bestätigen die Nutzerin tendenziell. Wirksame Therapie verlangt oft das Gegenteil, nämlich Konfrontation, das Aushalten von Spannung und eine echte Resonanz von Mensch zu Mensch. Genau diese Fähigkeit gewinnt in einer von KI geprägten Versorgung an Wert.

Was Ärztinnen und Ärzte daraus mitnehmen können

Wer DiGAs verordnet, sollte die Auswahl bewusst treffen und die Begleitung mitdenken. Nicht jede Patientin profitiert von jeder Anwendung, und die Indikation ist nur ein Kriterium unter mehreren. Eine kurze, verlässliche Begleitung erhöht die Adhärenz deutlich. Im Team lässt sich diese Aufgabe bündeln, indem eine Person zur Digital Health Navigatorin geschult wird.

Links zur Folge

Manual zum Digital Health Navigator-Training 

Forschungsgruppe Mental Health Policy and Digitalization 

Projektwebsite DigiNavi

Studienprotokoll 

Erste Ergebnispublikation, qualitativ 

Bericht des Ärzteblatts zur Rolle Digital Health Navigator-in 

Infoseite des BMG zum Pilotvorhaben 

YouTube

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