Warum Digitalisierung in Arztpraxen so oft scheitert
Dr. Philipp Stachwitz, Facharzt für Anästhesie und Leiter Digitalisierung der KBV, über ePA, KI und die größte Lücke im Gesundheitssystem

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Die Digitalisierung im Gesundheitswesen wird häufig aus politischer oder technischer Perspektive diskutiert. In der Realität entscheidet sich ihr Erfolg jedoch an einem ganz anderen Ort. Nämlich in der Arztpraxis. Dort, wo Ärztinnen und Ärzte jeden Tag mit Patientinnen und Patienten arbeiten und digitale Lösungen in ihren Alltag integrieren müssen.
In der aktuellen Folge des docsdigital Podcast spricht Alexandra Widmer mit Dr. Philipp Stachwitz über genau diese Schnittstelle zwischen Versorgung, Gesundheitspolitik und Technologie.
Dr. Philipp Stachwitz ist Facharzt für Anästhesie und Schmerztherapie und Leiter der Stabsstelle Digitalisierung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Gleichzeitig arbeitet er weiterhin selbst in der Patientenversorgung. Diese Kombination macht seine Perspektive besonders wertvoll. Er kennt sowohl die strategischen Diskussionen rund um Digitalisierung als auch die Realität in Arztpraxen.
Im Gespräch wird schnell deutlich, dass Digitalisierung in der Medizin nicht an mangelnder Offenheit der Ärzteschaft scheitert. Viele Ärztinnen und Ärzte sind bereit, neue Technologien zu nutzen. Entscheidend ist jedoch, ob diese Lösungen im Praxisalltag tatsächlich funktionieren.
Digitalisierung beginnt im Praxisverwaltungssystem
Ärztinnen und Ärzte erleben Digitalisierung nicht als abstraktes Konzept. Sie erleben sie in der Software, mit der sie täglich arbeiten.
Wenn Praxissoftware langsam, unübersichtlich oder technisch veraltet ist, wird jede zusätzliche digitale Anwendung zur Belastung. Selbst sinnvolle Innovationen können dann im Alltag scheitern.
Dr. Stachwitz beschreibt diese Realität sehr klar. Viele Praxen arbeiten mit IT-Systemen, die über Jahre hinweg erweitert wurden. Neue Funktionen werden ergänzt, ohne dass die grundlegende Architektur modernisiert wird. Das führt dazu, dass digitale Anwendungen oft komplizierter wirken als sie eigentlich sein müssten.
Ein Beispiel ist die Einführung des E-Rezepts. Erst nachdem ein einfacher Einlöseweg über die elektronische Gesundheitskarte möglich wurde, konnte sich das System im Alltag wirklich etablieren.
Zwischen politischer Strategie und Praxisrealität
Digitalisierung im Gesundheitswesen entsteht häufig aus politischen Programmen oder technischen Innovationen. In der Praxis müssen diese Lösungen jedoch in bestehende Abläufe integriert werden.
Das führt zu Spannungsfeldern. Ärztinnen und Ärzte erleben häufig zusätzliche Anforderungen, ohne dass gleichzeitig ihre Arbeitsbedingungen verbessert werden.
Dr. Stachwitz betont deshalb, wie wichtig es ist, ärztliche Perspektiven frühzeitig einzubeziehen. Digitalisierung darf nicht nur technisch gedacht werden. Sie muss aus der Versorgung heraus entwickelt werden.
Gleichzeitig zeigt sich im Gespräch auch eine Veränderung in der Haltung vieler Ärztinnen und Ärzte. Während Digitalisierung vor einigen Jahren häufig mit Skepsis betrachtet wurde, wächst heute die Bereitschaft, neue Technologien aktiv zu nutzen. Vor allem dann, wenn sie echte Entlastung bringen.
Künstliche Intelligenz verändert die Arzt-Patienten-Beziehung
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Medizin.
Immer mehr Patientinnen und Patienten informieren sich über digitale Tools oder KI-Systeme, bevor sie eine Praxis aufsuchen. Das verändert auch das Gespräch zwischen Arzt und Patient.
Ärztinnen und Ärzte werden zunehmend mit Informationen konfrontiert, die aus Suchmaschinen, Apps oder KI-Systemen stammen. Das kann neue Chancen eröffnen, stellt aber auch neue Anforderungen an medizinische Kommunikation und Einordnung.
Gleichzeitig nutzen auch Praxen selbst bereits erste KI-Tools. Häufig zunächst im administrativen Bereich. Dort können sie helfen, Prozesse effizienter zu gestalten und Zeit zu sparen.
Die Entwicklung schreitet schnell voran. Umso wichtiger wird es für Ärztinnen und Ärzte, ein grundlegendes Verständnis für diese Technologien zu entwickeln.
Digitalisierung braucht auch Unterstützung für Praxen
Ein Punkt wird im Gespräch besonders deutlich. Während Krankenhäuser in Deutschland bereits erhebliche Fördermittel für Digitalisierung erhalten haben, gibt es für den ambulanten Bereich deutlich weniger Unterstützung.
Dabei findet ein großer Teil der medizinischen Versorgung in Arztpraxen statt. Wenn Digitalisierung wirklich flächendeckend funktionieren soll, müssen auch diese Strukturen stärker berücksichtigt werden.
Warum diese Diskussion auch für HealthTech-Unternehmen relevant ist
Für Unternehmen, die digitale Lösungen für das Gesundheitswesen entwickeln, liefert diese Folge einen wichtigen Einblick.Technologie allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, ob sie im Praxisalltag tatsächlich funktioniert und von Ärztinnen und Ärzten akzeptiert wird.

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